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COUNTRY STYLE Heft 45

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August 2008


Eine kurze Autostrecke westlich vom Alten Land wartet die Ostemarsch mit idealen Böden für den Obstanbau auf. Eckart Brandt hat sich hier dem Sammeln und Vermehren alter Obstsorten verschrieben – mit weisem Blick in die Zukunft.

Text: Günter Ned | Fotos: Martin Bäuml, Judith Bernhard

Mit alten Apfelsorten dem Klimawandel begegnen? Nichts einleuchtender als das, man braucht sich nur lang genug mit Eckart Brandt zu unterhalten. Er hat sie zur Passion seines Lebens gemacht, den Altländer Jakobsapfel, den Vierländer Winterprinz, die Perle von Bützfleth, den Grünen und Roten Calviner und all die andere historischen Sorten von der Niederelbe – viele von ihnen wurden durch sein Boomgarden-Projekt (www.boomgarden.de) wiederentdeckt und neu vermehrt. Als Bio-Obstbauer selbstständig gemacht hat sich der studierte Historiker, Germanist und Anglist vor 25 Jahren. Die Apfelplantage von damals mit Boskoopbäumen, die 1935 gepflanzt wurden, bewirtschaftet er heute noch, inzwischen hat er dort auch ein Quartier mit Jungbäumen aufgepflanzt, andere Flächen sind dazu gekommen. Überall bewahrt und vermehrt er alte Sorten. Dass sie sein Lebensthema werden würden, wurde ihm zwei Jahre nach dem Start klar – und dann begann er zu sammeln.

„Ich dachte, wenn ich den hiesigen Sorten nachgehen will, na, so ein, zwei Dutzend werden das wohl sein. Ich hatte da am Anfang sechs Hektar gepachtet und da waren anderthalb Hektar schon mal gerodeter Apfelhof, da konnte ich neue Bäume pflanzen. Die alten Boskoop hab ich natürlich stehen lassen.“ Er wollte von jeder Sorte so an die zehn Bäume hochziehen, dann würde er nachher auch was zu verkaufen haben, „und dann stellte sich heraus, dass das nicht ein, zwei Dutzend waren, sondern dass man so einen Faden zu fassen bekam, da konnte man immer weiter ziehen.“ Es sprach sich rum, dass da einer sammelt, „die alten Leute kamen aus der Gegend, und boten mir ihre alten Apfelsorten an“, die Presse wurde aufmerksam, „und dann war die Lawine los.“ Dutzendweise kamen nun die Anrufe, „und ich hab alles abgeklappert, jede neue Sorte veredelt. Da war ein über 80-jähriger Baumschuler in der Nähe von Elmshorn, von dem hab ich das  meiste geholt, der sagte, er hätte über 700 Sorten.“ 

An die 300 hat Eckart Brandt heute auf seinen eigenen Anbauflächen. Die vermehrt er, und wenn jemand einen schönen Apfelhochstamm im eigenen Garten pflanzen will, dann ist er bei dem Mann aus Wohnste auf der Stader Geest, dem die Liebe zu den Äpfeln aus allen Poren strahlt, richtig – aber man sollte auf seinen Rat hören: „Wenn man sich nicht unglücklich machen will dabei, dann sollte man sich an die alten Sorten halten. Die sind wesentlich robuster und brauchen viel weniger Aufwand. Man kann sich mit modernen Tafelsorten die Lust am Apfel wirklich abgewöhnen. Das sind hochempfndliche Kulturgeschöpfe, die allen möglichen Segen der Chemie brauchen, um so zu werden, wie sie dann in den Supermarktregalen liegen. Das kriegen Sie im Garten gar nicht hin.“ Und er empfiehlt, sich um Sorten zu kümmern, die da, wo der Garten steht, passen. „Man hat da immer eine Auswahl von diversen Sorten und dann kann man auch den eigenen Geschmack einbringen.“ Eckart Brandts Tipp: Im Internet den Pomologenverein aufsuchen (www.pomologen-verein.de), dort werden Ländervertreter angegeben, und die helfen weiter.

Brandt bleibt auf seine eigene Region konzentriert, auf die Marsch, die die Oste, ein Nebenfluss südlich der Elbe, angeschlickt hat, „und da kommen schon mal Leute, die ganze Streuobstwiesen haben wollen, und dann stell‘ ich ihnen zusammen, was passt.“ Überhaupt geht es Eckart Brandt darum, als Multiplikator zu wirken. So entstand aus seinem Boomgarden-Projekt heraus der gemeinnützige Boomgarden e.V. Er macht es sich zur Aufgabe, die alten Obstsorten nicht nur zu retten, sondern auch zu verbreiten. Brandt und seine Kollegen arbeiten da mit Gemeinden, Naturschutzverbänden und anderen potentiellen Aufplanzern zusammen – womit wir beim Einsatz alter Apfelsorten im Klimawandel wären. Brandt: „Man muss nur jemanden begeistern, dass er Flächen, die er zur Verfügung hat, bereitstellt. Dann machen wir mit der lokalen Presse einen Aufruf und dann kommen die wunderschönsten Sorten aus der Gegend – so bewahrt man die genetischen Ressourcen vor Ort. Es geht ja auch um einen riesigen Genpool, der da existiert. Man sollte diese Schätze erhalten. Ich meine, wenn sich jetzt das Klima so dreht, wissen wir doch gar nicht, welche Eigenschaften wir in 50 Jahren unseren Apfelbäumen abverlangen, und da so schmalspurig weiterzufahren und weltweit nur ganz wenige Erwerbssorten zu vermehren – das ist eigentlich ein ziemlich riskantes Ding, finde ich.“

Freilich empfiehlt sich www.boomgarden.de auch als hilfreiche Adresse für den Augenblick und seine Genüsse. Es gibt da einen Internetshop mit Versand für alles, was den Schönen von Boskoop, den Finkenwerder Herbstprinz, den Horneburger Pfannkuchen und Konsorten so lecker macht – von sortenreinen Apfelsäften über Gelees und Aufstriche bis zu Apfelprobierpaketen, fünf verschiedene Sorten, von jeder ein Kilo (in der Saison von September bis Ostern). Mehr zum Thema gefällig? Eckart Brandt hat zwei Bücher geschrieben: Von Äpfeln und Menschen, Verlag Atelier im Bauernhaus, und: Mein großes Apfelbuch, Bassermann Verlag, mit allem Wissenswerten und leckeren Apfelrezepten.

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