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COUNTRY STYLE Heft 43

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März 2008

Lebensfreude und Genuss ganz nah am Himmel
Wann ist eine Almwirtschaft eine Almwirtschaft? Wenn sie Almlage hat, Ausblick, eine fesche Wirtin und eine zünftige Küche. Also ist die Angerer Alm eine Almwirtschaft, zudem von der feinsten Sorte: Der Ausblick von den Abhängen des Kitzbüheler Horns übersteigt die 180-Grad-Schwenkbreite, die hübsche Wirtin ist eine ausgebildete Sommelière und der Blick in die Küche macht endgültig klar: Auf der Angerer Alm wird mehr geboten als Schnitzel und Kaiserschmarren (obwohl auch erstklassig). In 1300 Meter Höhe zelebriert Annemarie Foidl Kulinarik vom Feinsten!

Text : Gabriele Isringhausen | Fotos : Martin Bäuml / Angerer Alm
 

Gut neunzig Minuten dauert der Aufstieg für Ungeübte. Wir entscheiden uns für die Harschbichlbahn. Leise summend gleiten die Gondeln nach oben, geben den Blick auf die wundervolle Bergwelt der Kitzbüheler Alpen frei. Mit jedem Meter höher scheint der Alltag in weite Ferne zu rücken. Unser Ziel: die Angerer Alm hoch über St. Johann in Tirol. Stolz streckt sich das 200 Jahre alte Bauernhaus mit rot blühenden Geranien vor den Fenstern der Sonne entgegen. Freundlich lächelnd erwartet uns die charmante Almwirtin Annemarie Foidl. "I bin die Annemarie", sagt sie mit breitem Tiroler Zungenschlag, drückt fest die Hand zur Begrüßung.

Seit fast zwanzig Jahren bewirtschaftet die attraktive Österreicherin den Berggasthof auf 1300 Meter Höhe. Arbeit hat sie nicht. Denn die Arbeit ist ihr Leben. Dann nämlich, wenn sie ihre Angerer Alm zu einem Ort belebter Gastlichkeit macht oder wenn sie als technische Direktorin des österreichischen Sommelierverbandes ihr Land und seine Weine europa- und sogar weltweit präsentiert. Überhaupt ist Annemarie gern unterwegs. Heute Norwegen, morgen Frankreich, Australien, Südafrika, zwischendurch Rom oder Lourdes, wo sie ihre Malteser Hospitaleinsätze absolviert. Aber sie freut sich auch immer wieder "narrisch", auf die Alm zurückzukommen. Das ist ihr Zuhause. "Diese Landschaft, das Leben im Einklang mit der Natur, kann es etwas Schöneres geben?", fragt sie, stemmt die schwere Milchkanne, die sie eben mit ihrem Neffen Georg von der Milchalm geholt hat, auf die alte Holzbank. Zwanzig Kühe gehören zur Alm. "Ganz frisch", strahlt Annemarie und schon stehen ein Glas Milch und deftige Käsespätzle auf dem Tisch.

Als junges Mädchen wäre Annemarie Foidl gern Stewardess geworden, vielleicht auch Innenarchitektin oder Diplomatin. Dass sie ihr Leben einmal auf einer Alm verbringen würde, das hatte sie nicht geplant. "Nach der Matura wurde meine Tochter Katharina geboren. Ich war 19 Jahre", erzählt die Bauerstochter vom Lacknerhof in St. Johann schmunzelt: "Jo mei, ist halt passiert." Sie lernt beim Stanglwirt in Going, einem der renommiertesten Häuser Tirols, legt die Konzessionsprüfung ab und entschließt sich 1989 die Angerer Alm, die ihre Eltern gekauft hatten, zu übernehmen. Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich wohl hier oben. Mit viel Liebe zum Detail richtet Annemarie die Gaststuben gemütlich ein. In einem alten Eisenküchenherd lagern Weinflaschen, wunderschöne Leinentischdecken, handgestickte Kissen, Bauernmöbel, ein grün gekachelter Kaminofen und historische Bilder schaffen eine heimelige Atmosphäre.

Viele Jahre steht sie selbst in der Küche und entdeckt immer mehr ihre Liebe zum Wein. "Der Restaurantschef vom Lacknerhof hatte mein Interesse geweckt. Ich wurde Mitglied im Sommelierverein, machte mein Diplom und arbeite heute in der Ausbildungskommission", verrät Annemarie, lässt uns einen Blick in ihren wohlsortierten Weinkeller werfen. Der ist wahrlich für ein Almwirtshaus eine kleine Sensation. Über 6000 Flaschen von 400 Weingütern hat sie zusammengetragen. Ganz seltene Tropfen wie ein Madeira von 1795 sowie Zarenweine der Jahrgänge 1905, 1915, 1933 und 1945 sind darunter. "Das sind Kunstwerke. Die werden nur zu wirklich ganz besonderen Anlässen getrunken", sagt die Sommelière fast andächtig. Inzwischen hat sich die Küche mit Leben gefüllt. Hier werden die ersten Vorbereitungen für das abendliche Menü getroffen. Eine Speisekarte gibt es nicht. "I schau', was die Bauern oder der Huber-Metzger frisch anbieten oder ob der Hans einen Bock geschossen hat."

"Hans is mei Bruada", erklärt Annemarie, nascht von den Marillenknödeln, begrüßt Karin und Jochen Rienth, die auf der Angerer Alm mit ihren Kindern Max und Marie Ferien machen. "Wir sind schon zum zweiten Mal da. Kein Fernseher, das gute Essen, abends spielen wir oder lesen den Kindern etwas vor. So entspannen können wir nur hier", schwärmt die Stuttgarterin. Denn bei Annemarie Foidl kann man auch in urig-gemütlichen Zimmern ohne TV und Telefon, dafür in kuscheliger karierter Bettwäsche mit Blick auf die Berge traumhaft gut schlafen. Aber zuvor gibt es Genuss pur.

Zu gebratenen Jakobsmuscheln mit flambierter Ananas und Rucolapesto wird Topfbrot (im Miniblumentopf gebacken) mit Kürbisbutter gereicht. Dazu schmeckt ein leichter Zinfandel vom renommierten Weingut Karl Alphart aus Traiskirchen. Auch das getrüffelte Kürbiskernmus mit Kapuzinerkresse und der Apfel-Curry-Cappuccino, garniert mit Chilikrokant, zeigen den kreativen Einfallsreichtum von Annemarie Foidl und ihrem Team. Köstlich der Rotbarsch mit Kartoffel- und Tomatenmousseline, dem zart tranchierte Lammracks mit Polenta in Rotweinsauce folgen. Annemarie holt aus ihrem gut bestückten Weinkeller einen roten Blaufränkisch Leiterberg, Jahrgang 2004. "Der passt."

Denn während sich tagsüber die einkehrenden Wanderer und Skifahrer deftige Käsespätzle, Speckplatten oder Bratapfel mit Blutwurstfüllung schmecken lassen, genießen abendliche Gäste eine Gourmetküche vom Feinsten.  Alle Speisen werden nicht nur serviert, sondern wahrlich liebevoll zelebriert. So bringt der junge Mitarbeiter ("I bin der Andy aus Tirol") das Heidelbeersorbet in einem Teelichthalter mit Kerze an den Tisch und das Dessert - Zitronenmousse, Apfel-Ingwer-Konfekt und Schokohaselnusskuchen - wird auf einer Schiefertafel, wunderschön verziert mit geeisten Rosenblättern, serviert. "Das Auge isst mit", weiß Annemarie Foidl. Gesundheit, das Glück, zu tun, was sie tut, das empfindet sie nicht als selbstverständlich. Stattdessen gehören ständige Neugier auf das Leben, Weiterbildung und ein offenes Herz zu ihren Stärken. Die Faszination, hier oben leben zu dürfen, so nah am Himmel, die ist in all den Jahren geblieben. Mit einem herzlichen "Kuamts gsund wieda" verabschiedet uns die Almwirtin.

Weitere Informationen: www.angereralm.com
 

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