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Abschied von einem Traditionshandwerk




Gottfried Schütz ist der letzte seiner Zunft am Tegernsee.Hüte waren lange Zeit ein Charakteristikum der feinen Gesellschaft. Heute ist der Anblick behüteter Zeitgenossen eher selten geworden. Wenn überhaupt ist es die ältere Generation, die vom Hut noch Gebrauch macht und davon kann das traditionelle Hutmacherhandwerk nicht mehr existieren. Gottfried Schütz ist der letzte seiner Zunft am Tegernsee. Und in ganz Oberbayern gibt es nur noch fünf weitere Kollegen.

Wer mit offenen Augen durch Tegernsee spaziert wird bei einigen Herren eine braune, grüne oder graue Kopfbedeckung entdecken, die in der Region ihre traditionellen Wurzeln hat: den original Tegernseer-Filzhut. Man(n) trägt ihn ganz schlicht, nur mit einer Kordel verziert, oder etwas auffälliger mit Federn oder Gamsbart dekoriert. Ganz nach persönlichem Gusto. 

Allen gemeinsam ist die Herkunft aus Gottfried Schätz´ Hutmacherwerkstatt. Seit 55 Jahren geht der nunmehr 78-jährige seinem Beruf im familieneigenen Betrieb nach, will das Werk von Vater und Großvater so lange fortsetzen wie eben möglich. 

Über 20 verschiedene Holzformen in sämtlichen Kopfgrößen. 125 Jahre besteht das kleine Geschäft in der Rosenstraße im Ortskern von Tegernsee nun schon. Sicher, der eigentliche Hutladen hat sich zwischendurch mal etwas verändert, aber die Werkstatt im Keller ist immer so geblieben. 

Zu ihr führt eine schmale, steile Treppe hinab, die Wände, wie sollte es anders sein, sind mit den privat getragenen Hüten des Meisters geschmückt. 

Unten angekommen, steht man mittendrin in der kleinen Welt aus Stumpen, Matritzen und Appreturen - im Reich des letzten Hutmachers vom Tegernsee.

Eigentlich wollte der 1921 geborene Schätz Zimmermann werden. Auf Wunsch seines Vaters begann er jedoch 1936 mit einer Hutmacher-Lehre in Augsburg. Nach Kriegsende stieg er in den väterlichen Betrieb ein und fertigt seitdem Filz- und Velourhüte in vielerlei Formen und Farben. Die Rohlinge für seine Stumpen bekommt er von einigen noch bestehenden Stumpenfabriken in Deutschland und Tschechien. Sie bestehen aus verschiedenen grün, grau oder braun durchgefärbten Filzarten, die sich in ihrer Beschaffenheit unterscheiden. So wird eleganter Velour aus feinem Hasenhaar hergestellt, glatter Filz aus Kaninchenhaar oder Wolle und grober Filz aus ebensolcher Wolle. 

Der Hutmacher bürstet sein Werk unter Dampf. Doch bis aus einem unförmigen Einheitsstumpen eine ansehnliche Kopfbedeckung wird, vergehen einige Arbeitsstunden. Zuerst muss der Filzstumpen in heißem Wasser eingeweicht werden, um ihn formen zu können. Ist er nass genug, werden die Ränder in die Länge gezogen und der ganze Stumpen über die geeignete Hutform aus Holz gestülpt und mit einer Schnur fixiert. Eine zweite Möglichkeit der Formgebung besteht darin, dass der über die Holzbasis gezogene Stumpen mit Klammern auf eine Matritze gespannt wird. Das ist ein Holzrahmen mit einer leichten Einkerbung rundherum, in die eine Schnur zur Formung der Krempe mittels eines Treibeisens eingebracht wird. Weil diese Methode die einfachere von beiden ist, gibt ihr Gottfried Schätz den Vorzug. 

Der echte Tegernseer Hut. Im Anschluss wird der Rand gebügelt und die Filzoberfläche auf der Tourmaschine, eine sich konstant drehende Scheibe, mit harten Bürsten bearbeitet. Danach muss das halbfertige Stück mindestens zwei Tage im Heizungsraum der Kellerwerkstatt trocknen. 

Ist das geschehen, trägt der Hutmacher eine Spezialappretur zum Nachsteifen des Materials auf, bügelt nochmals den Rand und schneidet ihn dann mit dem Randschneider in seine endgültige Form. Zum Schluss wird die Krempe des Tegernseer Hutes noch mit einem Einfassungsband umsteppt. 

Das geschieht an der historischen Pfaff-Nähmaschine, die schon Schätz´ Vater benutzte. Nun noch die obligatorische Kordel um den Hut und das Schweißband hineinnähen, was Ehefrau und Tochter übernehmen, ebenso das Schmücken mit Federn oder Gamsbart. Und fertig ist das Prachtstück. 

Kopfschmuck zur hochfestlichen Frauentracht. Sie sind es auch, die in dem schmucken kleinen Ladengeschäft beraten und verkaufen. Neben den verschiedenen Hüten aus Eigenproduktion hält das Angebot Sport- und Skimützen für Damen und Herren, traditionelle Schmuck-Trachtenhüte für Damen, modische Herrenhüte sowie Accessoires wie Tücher, Handschuhe, Schals und diversen Hutschmuck vorrätig.
Gottfried Schätz´ Hutkreationen sind nicht nur bei Privatpersonen sehr gefragt. Auch viele Vereine schwören auf seine ausgezeichnete Arbeit. Ist er doch in der Lage, selbst ausgefallene historische Hüte zu rekonstruieren. 

Seine umfangreiche Holzformensammlung sowie die jahrzehntelange Erfahrung machen es möglich. Wer nun glaubt, so ein handgefertigtes Modell wäre entsprechend teuer, der irrt. Je nach Material kosten sie zwischen 90 und 250 DM. Weitere Pluspunkte sind Langlebigkeit und die Tatsache, dass Form und Farbe keinem Modetrend unterliegen.

Schade nur, dass das Hutmacherhandwerk keine Zukunft mehr hat. Angesichts der geringen Anzahl der Handwerksbetriebe wurde es bereits aus der Handwerksrolle gestrichen. In Deutschland gibt es keine Ausbildungsplätze mehr. Deshalb wäre es wünschenswert, sich dem Zukunftswunsch von Meister Gottfried Schätz anzuschließen und wieder mehr Hüte zu tragen. "Damit unser Handwerk nicht ganz untergeht!" Das Fachgeschäft des letzten Hutmachers vom Tegernsee wird es trotzdem noch lange geben. Seine Tochter wird es im Sinne des Vaters fortführen.

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